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Tagebuch-Ausschnitt

Montag 1998
Wieder ein typischer Chemotag.
Ich fühle mich nicht besonders und versuche mich mit ein paar Gedanken abzulenken. Doch es ist etwas schwierig. Mich beschäftigt zur Zeit einfach viel zu viel. Doch am Meisten bedrückt mich heute meine Umwelt.
Seit ich die Diagnose Krebs habe, hat sich alles um mich herum verändert. Nur ich nicht..... ich glaube trotz der Diagnose Krebs, immer noch die fröhliche lustige Person zu sein, die gerne lacht und gerne anderen hilft. Doch das ist vorbei.
Wenn ich besuch kriege, haben immer alle Tränen in den Augen, wissen nicht worüber sie mit mir reden sollen. Meist gehen sie auch sehr schnell wieder.

Auch am Telefon. Keiner erzählt mehr aus seinem Leben, alle wollen nur hören wie es mir geht und wenn ich einfach mal sage - " gut", dann können sie das gar nicht annehmen oder glauben.
Gerade rief mich eine Freundin an und ich versuchte das Gespräch auf ihr Leben zu leiten. Es funktionierte ein paar Sätze, dann kam gleich der Spruch: "Was erzähle ich Dir da, das sind ja lächerliche Probleme im Vergleich zu Deinen". Ja genau diese lächerlichen Probleme halten mich gesund, wach, lassen mich die Alte sein.

Ich habe eine Krankheit, aber ich bin nicht tot. Ich will nicht, dass alle so seltsam mit mir umgehen. Ich weiß, was die Krankheit bedeutet, ich gehe dagegen an, aber ich möchte auch einfach nur leben. Mehr oder weniger mein altes Leben zurück haben, trotz Chemotherapie und Haarverlust und allen anderen Nebenwirkungen. Das wünsche ich mir heute so sehr. Mit meiner Freundin J. Kann ich das. Sie muss sich gerade einer Bestrahlung in Zürich unterziehen lassen. Wir lachen sehr viel und erzählen uns Geschichten die nicht mit dem Thema Krankheit zu tun haben. Und wenn wir über das Thema reden, dann reden wir vom "Weißen Haus" nicht vom Krankenhaus - das hört sich schon krank an.

"Bestrahlung" ist bei uns Solarium, "Die Chemo" ist ein etwas überdosierter Vitamincocktail. Das ist erfrischend und tut einfach gut.
Doch ich wünschte mir, dass ich mit meinen Liebsten auch wieder mal lachen könnte, einfach normale Gespräche führen ohne diese Tränen und Ängste in den Gesichtern oder in den Stimmen hören oder sehen zu müssen.

Es belastet mich sehr, es macht mich traurig und tut mir weh, ich mache mein ganzes Umfeld traurig, alle haben Angst, ich möchte aber nicht dass sie meinetwegen traurig sind und meinetwegen Angst haben. Ich kann damit nicht zu meinem Arzt gehen, der hat keine Zeit für so was, mit ein paar Mitpatienten rede ich darüber und die haben genau das gleiche Problem, keiner hat eine Lösung, aber jeder probiert immer wieder etwas Neues. Doch helfen tut uns in dieser Situation keiner. Es gibt so viele Kleinigkeiten in denen ich mich einfach so alleine fühle und so hilflos und ich weiß nicht, wer mir dabei helfen könnte.

Ich schaue gerade an die leere hässliche, nicht mehr ganz weiße Wand, mit dem braun-grünen Boden und denke, tja hier müsste auch mal gestrichen werden, vielleicht mit etwas Farbe, was Lebensfreude und Kraft ausstrahlt, ach ja man müsste an so vielen Ecken was verändern, hier auf der Onkologie.....

Vor zwei Monaten hat eine meiner Freundinnen ein Kind gekriegt. Ich durfte Sie noch in der Klinik besuchen.
Als ich aus dem Fahrstuhl kam und die Geburtenstation betrat, kam mir ein Flur voller Freude entgegen. Kräftigen Bilder, die viel Freude ausstrahlten hingen an der Wand, diese wiederum war rosa gestrichen.
Es war eine positive freudige Stimmung obwohl kein Baby, kein Mensch auf dem Flur zu sehen war. Sie erzählte mir von dem Geburtsvorbereitungskurs, alleine, dann auch mit Partner, dass die Krankenkasse sogar Yogastunden bezahle und auch einen Rückbildungs-Kurs übernehme.
Da wurde ich sehr traurig.
Warum gibt es denn keinen Onkologie oder Chemotherapie-Vorbereitungskurs, für Patienten und für die Partner und Angehörigen?
In denen einem erklärt wird, was alles auf einen zukommen könnte.
Wie man mit Atemtechnik die Schmerzen etwas wegatmen kann.
Was auf Partner und Familien zukommt.
An wen man sich wenden kann, wenn das und das passiert?
Dies alles natürlich von der Krankenkasse bezahlt. Wäre das nicht schön.
Diese Traumvorstellung gibt es leider nicht, denn der große Unterschied von Geburtstation und Onkologie ist: Krebs ist kein Freudiges Ereignis und hat auch nichts mit Leben zu tun, sondern mit Tod.

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